Zwischenräume. Eine Ausstellung der salzgitter-gruppe
vom 9.11.bis 2.12.2012 im Schloss Salder.
Auszug aus der Eröffnungsrede von Dr. Ute Maasberg.

"Zwischenräume"
, es ist ein weit gefasstes Thema, das Spielraum lässt für die Vielfalt der künstlerischen Positionen, die in der salzgitter-gruppe versammelt sind und es ist ein aktuelles Thema, das Statements zum Zustand und Identität der Stadt Salzgitter versammelt.

Zwischenräume werden in der Architektur- und Stadtplanung mitunter auch als Abstands- und Resträume genannt. Sie beschreiben Strukturen, die Teile dessen formulieren, was wir heute den "öffentlichen Raum" nennen.
Natürlich gehören zu den Öffentlichen Räumen auch Stadt- und Versammlungsplätze, Gärten und Parks, die der Allgemeinheit, der Gesellschaft dienen. Aber eben auch Straßen und Wege sind Teil eines ausgedehnten Netzwerks der öffentlichen Außenräume einer Stadt. Architektur schafft dabei eher den Übergang vom öffentlichen zum privaten Raum. Zwischenräume aber lassen sich nicht nur auf Formen oder Material von Flächen und Volumen reduzieren. In ihnen spiegeln sich die Komplexität von Bedeutungen und die große Vielfalt privaten und öffentlichen Lebens wider.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema "Zwischenraum" setzt sich und das zeigen die hier versammelten künstlerischen Positionen der salzgitter-gruppe ganz deutlich, fort in die Ebene der räumlichen Vernetzung und Verpflechtung, in soziale und historische Räume, philosophische Weltbilder, kulturelle Einflüsse, in Kulturlandschaften, die wie ein Speicher unseres kollektiven Gedächtnisses verschiedenste Einflüsse der verschiedensten Zeiten aufgenommen haben.
Nun ist die Stadt Salzgitter mit ihren siebzig Jahren keine alte Stadt. Auch gibt es keinen eindeutigen
historischen Kern, wie ihn die mittelalterlichen Städte aufweisen können. Salzgitter ist eher eine Stadtregion, eine Zwischenstadt, eingebettet in eine urbanisierte Landschft. Eine Agglomeration halb städtischen, halb landschaftlichen Charakters, verbunden durch Straßen und Schienen. die Befahrung dieser Wege führt uns durch Zwischenräume, die wir im Alltag oft gar nicht mehr wahrnehmen, sei es, weil sie Teil eines gewohnten Bildes sind, vielleicht auch, weil es sich um Orte handelt, die einem banal erscheinen. In ihnen aber die Verbindungen zwischen dem Hier und Jetzt zu sehen und zu dem, was war und letztendlich diese Region auch als Kulturlandschaft zu begreifen, brauchen wir Künstler mit ihren unterschiedlichen Blickwinkeln.
Sie sind diejenigen, die uns Perspektiven und Standpunkte vermitteln, auf jeden Fall ein vielfältiges Wissen und eine hochkomplexe Weitsicht, aus der wir unsere Standpunkte und unsere Identität entwickeln können.

Michael Ewen zeigt in seinem Tableau aus Fotografien "Horizontal - Salzgitter" die Spuren der industralisierten Landschaften. Wie eine Synchronisationsmaschine neuer Raum-Zeit-Konzeptionen, offenbart er mal in Form von bewegten Unschärferelationen, dann wieder in präziser Klarheit mit idyllischen Bildern vom Kanal und von den gerade gezogenen Rillen auf den Feldern, das strenge, auf Ökonomie, Effizienz, Geometrie und Funktionalität ausgerichtete Muster, das diese Stadt wie auf Schalterdruck 1942 eins werden ließ. Dieses Muster prägt Salzgitter bis heute. Dabei ist Ewen ein stiller Beobachter, der ganz gezielt mit einem hohen ästhetischen Anspruch die Doppelbödigkeit seiner Beobachtungen herausseziert.

Roland Küblbeck, Heinrich-Hugo Ibold, Klaus Berner und Helmut Lingstädt nehmen kritischer, mit erhobenem Zeigefinger, Bezug auf die Tendenzen zwischen Fragmentierung und Einbettung von Stadt und Geschichte. Mit "Oh Gitter, süß bist du aber auch bitter", erinnert Küblbeck an die industrieellen Ursprünge dieser Region, an den Bergbau, letztendlich auch an die schwere historische Last, die sich nicht erst durch die Ausbeutung von Mensch und Landschaft seit dem 19. jahrhundert, sondern auch schon im Mittelalter vollzog und vielmehr noch im Nationalsozialismus, wie zum Beispiel im KZ Drütte auf dem Gelände der Reichswerke AG Hermann Göring. Hier mussten Zwangsarbeiter für den "Endsieg" schuften. Kein Wunder, dass sich die Erde wie in der Arbeit "Dezember 2012" auf Geheiß eines wütenden "Godfathers" an allen nur möglichen Stellen auftut. Das kleine Männlein, das wie "Bob der Baumeister" das Leben, sprich den Verkehr, auf der Erde regelt, aber bleibt ungerührt, unbeteiligt, blind, angesichts des Chaos in Verharrung stehen.

Auch Heinrich-Hugo Ibold zeigt sich nicht ungerührt von den Spuren, die Nationalsozialismus, wirtschaftliches Effizienzdenken und krieg in die Stadtstruktur und ihren Grundriss eingegraben haben. In "Als ich 1947 nach lebenstedt kam" ist der Ort keine Galaxie der Träume. Mit Leben sind die dunklen raster- und kreuzförmigen Abschnitte überschrieben.Jenseits ihrer Eigenwertigkeit variieren freigesetzte grafische Formen, Buchstaben und Farben eine Skala unterschiedlichster Empfindungen, bloß keine rechte Freude.

Helmut Lingstädt dagegen verpackt seine Kritik an der Entwicklung von Stadt und Landschaft in seinen Bildern "Piraten", "Natur bewegt" und "Gruß vom See" in poetische Traumlandschaften. Er kontrastiert Versatzstücke des Wandels im Hier und Jetzt und der Vergangenheit. Es ist das Wasser, das ihn fasziniert und das auch die Erinnerungen hiwegspült. Doch hinter den Traumidyllen am Salzgittersee, den realen Stoffen wie Piratenspielplatz, Heimat-und Familienbild verbirgt sich mit dem Zukunftsbild des Windparks eine beißende wie irritierende Persiflage auf die technomorphen Entwicklungen der Landschaft. Es sind dystopische Landschaften, die das Empfinden für die zerstörerische Kraft wirtschaftlicher Ausnutzung von Natur wecken wollen.

Klaus Berner denkt in eine ähnliche Richtung. Auch er arbeitet mit Versatzstücken der Vergangenheit und appelliert an die Verantwortung des Menschen im industriellen Wandel. Seine Objekte "Ironman", "Sonnenwind-Energieanlage" und "Containment" sind aus Fundstücken der alten Gießerei in Salzgitter zusammengesetzt, geschraubt und genagelt. Material des Alltags, das zum Material der Kunst wird. Als Fundament für das Neue sieht er das Alte. Anstelle von kopfloser Ausnutzung der Erde als Endlager für Atommüll in der Asse treten Recycling und Nachhaltigkeit.

Das Entsetzen über den Umgang mit den Schätzen der Natur als Mülldeponie hochgefährlicher Stoffe drückt auch Dieter Michaelsen in seinen beiden Mischtechniken "Ablagerungen" aus. Millionenjahre alte mineralisierte Fossilien, Muscheln und Ammoniten, die Boten der ehemaligen reichen Meeres- und Stromlandschaft sind, werden achtlos mit Atommüllresten vermengt. Da liegen Schmerz und Entsetzen, Wut in den Bildern. Emotionen bestimmen auch seine Figur aus Beton: "Die Enkelin - sie wagt einen Schritt", hier sind das Ablösen, Loslassen, das Verzagen und Wagen, den Schritt machen, das Sorgen, Bechützen, eingebunden in plastische Form und Geste.

Bernd Otto Schlender ist dieses Jahr mit insgesamt fünf plastischen Arbeiten aus Metall vertreten. In seiner zwei Meter hohen Großform "Kreuzstele" entwickeln sich geometrische Konstruktionsprozesse parallel zur Natur. Wuchsform und statische Konstruktion werden ausgelotet.
Die riesigen Blattformen entfalten sich flügelhaft, umrahmen den farbigen Blütenstempel und unterstreichen das bewegte und kraftvolle Aufstreben. Um Körper, um Bewegungen geht es in seiner "Blumenwiese". Jede Blume ist mit einer eigenen Haltung, einer anderen Form des Aufstrebens, des nach Licht Suchens ausgestattet, arrangiert wie eine als eng miteinander kommunizierende bunte Gesellschaft Gleichgesinnter.

Reinhard Wessolek interpretiert die Zwischenräume als eine Landschaft aus freien, der Natur und der Technik entlehnten Formen, die sich wie zu einer Industrie-Modellandschaft zusammenfügen. Gerippe eines Hochofens, Korbgeflecht, Mohnkapsel und Blütenkelch zugleich. Die wunderbar leichten Drahtgeflechte von Wessolek vermitteln zwischen Tradition und Moderne, zwischen Handwerks- und Industrieform, archaischen Formenwelten und Alltagsgerät. Von alters her wurden aus Zweigen, Flechtwerk Tröge, Tragen, Körbe, Schalen gefertigt mit runden üppigen Formen.

Durchdringung, Verpflechtung, Verschmelzung und Überlagerung, Abdeckung, Aufsprengung. Die Bilder "Salzquelle" und "Ohne Titel" von Peter Herzog lassen unterschiedliche Strategien erkennen, mit denen sich Zeitschichten durch Farbspuren verselbstständigen. Bilder, die wie Tastobjekte anmuten, Gebilde zwischen Malerei, Relief, fast Skulptur, das ist ein fester Bestandteil des Werkes von Herzog. Er ist Maler und gleichzeitig ein Bildarbeiter, der in großen, vielschichtigen Farbflächen denkt. Es sind Bilder, die uns tief mit der Stofflichkeit aber auch mit der unerschöpflichen Vielfalt des Materials Farbe vertraut werden lassen.

Bildarbeiterin ist auch Heide Lühr-Hassels, die mit ihrer großformatigen Arbeit "Zwischenräume: Blickwinkel" eine monumentale, horizontal angelegte Farblandschaft entworfen hat. Sie lädt uns ein, tief in den Bildraum zu blicken. Es ist eine geheimnisvolle, dunkle Landschaft, durch die wir auf einen von Licht und bunten Farbpunkten durchsetzten Raum blicken, es sind Andeutungen von Dachformen zu sehen, menschliche Behausungen. Lühr-Hassels arbeitet nicht nur traditionell mit dem Pinsel, hier wird geschichtet, gekratzt, geträufelt, gestrichen, gegossen, schwarze Wellen und Kaskaden, Farben in Rinnsalen verlaufend. Ihre Bilder tragen Spuren wie ein Sammelbecken gelebten Lebens und erfahrener Zeit.

Gunther Fritz tendiert in "Salzgitter 1+2" zwar zum Gegenstandslosen, bewahrt jedoch immer Rudimente des Physiognomischen. Dabei bleiben wie zum Beispiel das Wasser oder Ufergräser als Motive zumeist soweit intakt, dass sie gerade noch als solche erkennbar sind. die Textur, der Zwischenraum dieser Koordinaten des Lebens, bilden vor allem Erinnerungen, Träume, einzelne Gedankensplitter. Eine ähnliche räumliche Ausfaltung geschieht durch das in seinen Bildern gestreute Nebeneinander der Formen und Farben.

Zwischenräume, das sind in den 70 Bildern von Peter Kuhl, turbulente gestisch mimetische Farbformen, die übereinander lagern, sich begegnen und wieder verwischt werden. Es gibt einen Rhytmus und sie sind alle intensiv von Anfang bis Ende. Kuhl schafft auf seinen Bildern keine Fluchträume, keine Illusionen. Die Heiterkeit ist direkt an der Oberfläche, der Traum von ihr ist real, findet bei vollem Bewusstsein statt.

Wolfgang Spittler bringt mit seinen Holzschnitten"Viola", "!. +2. Geige" und "Cello" die menschliche Figur, die Frauen, Musik und Klang ins Spiel. Seit jeher verbinden wir Menschen mit Musik etwas Besonderes. In der griechischen Mythologie gaben der Gott Apoll und die Musen den Menschen die Musik. Spittler übersetzt seinen künstlerischen Kosmos in Klang. Mit farbiger Virtuosität beschreibt er die Holzstöcke mit scharf geschnittenen Details und konstruktivem Kalkül. Die in Holz gebannten Zwischenräume bringen uns die innigen und geistigen Beziehungen des Menschen zur Kunst zurück. Es ist ein eigenes Gefühl, durch die idyllischen Landschaften bei Lichtenberg, Lesse, Gebhardshagen oder Salzgitter-Bad zu fahren und gleichzeitig zu wissen, dass dies alles nur verführerischer Schein ist, dass die wahre Wirklichkeit sich hinter dem Dunst eines oft absonderlich nahen Horizonts verbirgt.
Wenn Umrisse von Waten-oder Lebenstedt sichtbar werden, sieht man die Schornsteine der Werke, die in Grau vor dem Himmel stehen. Nur nachts, wenn alle Wolken fortgewischt sind, tröstet das Bild der kleinen bunten Lichter und wischt den Trübsal über das Verschwinden der Natur hinfort. Es ist eine Wirklichkeit, die immer zu angenehmen Betrachtungen Anlass gibt und dennoch ist sie auch ein Stück Heimat, dennoch hat man eine innige Beziehung zu der Region.

Darauf kommt Hans-Jürgen Trams "Zwischen Dorfrand und Hütte" zu sprechen und zitiert Stücke der Vergangenheit, den Doppel-T-Träger, die Zuckerrübe.

Die hat auch Ursula Trams in ihren Fotografien der "Salzgitter-News", dem "Universum auf Zetteln" in Beziehung gesetzt. Regionale Identität und lokaler Raum, begrenzter Raum, der sich mit größeren Berichts- und Ausstrahlungsräumen vermischt. Die Medien sind seit den zwanziger Jahren ohne die Fotografie nicht mehr denkbar.

Rückschlüsse und Veränderungen räumlicher Identität, Ergebnisse des Raumschaffens und gestalteter menschlicher Umwelt betrachtet Susanne Hesch in ihren "Straßen Räumen" aus Wachs, Acryl und Graphit auf Holz. Anhand von Siedlungsstrukturen und räumlichen Entwicklungen betrachtet sie den Wandel und zeichnet die Formen von Zeitgeschichte nach, die in den gewachsenen Strukturen durch künstliche Formen nachgebaut und geplant werden.

All jene, die Verantwortung tragen für die Zukunft der Region, sei es politisch, wirtschaftlich, können aus all dem, was Künstlerinnen und Künstler, gedanklich, ästhetisch und generationsübergreifend zusammengetragen haben, neue Erkenntnisse gewinnen. Sie sollten es nicht ignorieren.

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