Salzgitter-Gruppe im Schloss Salder am 25.10.2015
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich freue mich sehr Ihnen heute im Schloss Salder 12 Künstlerinnen und Künstler der Salzgitter Gruppe vorzustellen, sowie zwei weiteren Gäste. Es ist eine schöne Tradition der Salzgitter- Gruppe, sich nach außen zu öffnen und den Kontakt zu anderen Kunstschaffenden zu suchen und mit einzubeziehen in die eigene Ausstellungstätigkeit. Die Salzgitter Gruppe kann auf eine lange Zeit des Zusammenseins zurückblicken. Existiert sie doch bereits seit 1959 und präsentiert die künstlerischen Arbeiten der Gruppe jährlich an wechselnden Orten. Um eine Gruppe über einen so langen Zeitraum zusammen zu halten und sie darüber hinaus auch interessant für eine neue Generation regionaler Künstler zu machen, bedarf es viel Engagement. Dies alles findet neben der eigenen künstlerischen Arbeit, neben Beruf und Familie statt und dafür sei ihnen allen gedankt. Nun eröffnen wir heute die 54. Ausstellung der Künstlergruppe. Die Galerie des Schlosses, der ehemalige Kuhstall aus längst vergangenen Zeiten, gilt schon lange als anerkannter Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst der Region und bietet so einen würdigen Rahmen für die hier ausgestellten Arbeiten.
Leider ist es jetzt nicht möglich ausführlich auf alle 14 Künstlerinnen und Künstler und ihre Werke derart einzugehen, wie sie es eigentlich verdient hätten. Zum Glück sind alle anwesend, so dass Sie als Betrachter die Gunst der Stunde nutzen können, um im Anschluss selber das Gespräch zu suchen und sich aus erster Hand ihre Fragen beantworten zu lassen.
Mein Ausgangspunkt für die Einführung in diese Ausstellung ist das Material, der Werkstoff mit dem die Kunstschaffenden gearbeitet haben. Da ist zunächst die Malerei: Pigmente, Ölfarben, Acryl, Pastell… das ist der Stoff aus dem die Bilder sind und jeder/jede handhabt sie anders, entlockt ihm Geschichten, deutet nur an oder gibt dem Material Raum, um dessen Qualität für den Betrachter erlebbar zu machen.
Lassen wir dafür einen der Gäste als erstes vortreten: Marlies Mefs gibt in ihren Malereien, die sie von mir aus rechts sehen können dem Material viel Freiheiten. Farbwülste begrenzen luzide Flächen, glänzende Oberflächen lassen die satte Ölfarbe leuchten und auf der Leinwand eine reliefartige Landschaft entstehen, die den Betrachter in die vielfältigen Schichten der materiellen Präsenz von Farbe hineinzieht. In ihren hier präsentierten Malereien steht die Bearbeitung der Fläche durch Farbe und Form im Mittelpunkt ihres Schaffens.
Die abstrakten, hochformatigen Arbeiten von Peter Herzog sehen Sie am Kopfende des Raumes. Das leuchtende Blau kontrastiert mit weiß-grauen mittig gesetzten Farbfeldern und der schwungvolle Pinselduktus machen die Schaffensfreude und das Temperament des Künstlers sichtbar. Seine Titel ‚Picnic auf blauer Wiese‘ oder ‚prähistorischer Fußabdruck‘ setzen die Phantasie des Betrachters auf die Spur, so dass dieser sich mit Freuden auf die Suche nach den Akteuren im abstrakten Augenschmaus machen kann.
In den Gemälden von Heide Lühr-Hassels tritt wieder das Material, hier die Ölfarbe, in den Vordergrund. Die Malerin schätzt die Konsistenz, Dichte und auch Transparenz dieser Farbe, sowie deren vielschichtige Ausdrucksmöglichkeiten. Die Concordia versinkt vor unseren Augen ein zweites Mal im strahlenden, vom Sonnenlicht gebrochenen Blau des Mittelmeeres und erinnert in der Dramatik an Gemälde von William Turner. In der Arbeit ohne Titel (hinten links) zeigt die Farbe ihre vielfältige Anmutung zwischen lasierenden und karstig, gebrochenen Oberflächen, unter der auch die Leinwand als Teil der gesamten malerischen Materialität immer wieder hervorbricht.
Michael Ewens graphisch anmutenden Acrylarbeiten auf Papier setzen den Gegenpol zu diesen expressiven Malereien. Gitterstrukturen, klare lineare Flächen und Kreissegmente überlagern kontrastreich Farbflächen aus Gelb, Rot, Blau und Schwarz. Der erste Eindruck von Klarheit lässt sich bei näherer Untersuchung allerdings nicht halten. Es scheint nahezu unmöglich, aus den Schichtungen von Fläche und Struktur eine nachvollziehbare Analyse des Davor- oder Dahinter durchzuführen. Alles scheint mit allem unauflösbar verwoben.
Heinrich –Hugo Ibold im Inneren des Kubus setzt auf geometrische Formenvielfalt. Auf drei quadratischen 80x80 großen Leinwänden drängen sich spitzwinklige Dreiecke, Quadrate, Rechtecke und Kreise und kämpfen mit ihren plastischen Pendants um Raum und Aufmerksamkeit des Betrachters. Er ist gefordert jedes Einzelne wahrzunehmen und wird belohnt mit einer Vielfalt von Oberflächengestaltung, sowie dem unverhofften Wechsel zwischen Plastizität der Formen und gestalteter Fläche, wodurch eine Räumlichkeit entsteht, die oft ebenso abrupt endet wie sie angefangen hat.
Wolfgang Spittler ist sein Gegenüber und bringt den Menschen ins Spiel. Seine Malerei ist am Expressionismus geschult. Das Gemälde ‚Interieur‘ erinnert an die gedrängten, symbolhaften Bildräume eines Max Beckmann, wie auch die Abgrenzung der einzelnen Bildelemente und Figuren mit einem schwarzen Kontur. Wolfgang Spittlers Menschen erscheinen aber nicht als gequälte Figuren eines Welttheaters, wie bei Beckmann, sondern sind in unserer heutigen Zeit verwurzelt und uns näher. Dennoch steckt auch in ihnen ein Geheimnis, so ist man ist irritiert von der Handbewegung des Künstlers. Schützt der gehobene Arm seine Augen einfach vor der Sonne oder will er seinen Blick vor dem Betrachter verbergen? Was bedeutet der Globus in dem Zimmer/Interieur, warum die Enge? Zufall, Bildidee oder Teil des symbolischen Kosmos von Wolfgang Spittler?
Susanne Hesch zeigt im selben Raum Fotoarbeiten und zwei malerische Arbeiten mit Öl- und Acrylfarben, sowie Graphit und Kohle auf transparenter Folie. Die Graphitarbeit zeigt eine weibliche Schattenfigur als Dreiviertel Porträt, die sich auf den Betrachter zuzubewegen scheint. Hinter ihr wird eine Sonnenscheibe sichtbar, die als Lichtreflex an anderer Stelle wieder auftaucht. Die Arme sind vom Körper leicht abgespreizt und ihre Haare wehen fahnengleich nach links, als stemme sie sich gegen den Wind. Die Frau ist nicht durchgehend schwarz, sondern immer wieder durchbrochen vom transparenten Bildgrund. Man erkennt die Frau, im Sinne einer geistigen Erkenntnis ohne sie zu sehen. Sie ist körperloser Schatten und doch real.
Helmut Lingstädts Arbeiten zeigen Landschaften mit Pastellstift gezeichnet. Lingstädt geht hier zurück zu seinen künstlerischen Wurzeln, die in der Zeichnung liegen. Feinste Schraffuren lassen durch ihre Schichtung eine vielfältige Farbpalette entstehen, die uns durch die Berglandschaft geleitet, mit ihrem grauen Gestein und den weichen Mulden darin. Das Blau des Himmels kann es an Leuchtkraft mit dem realen aufnehmen. Einzig die sichtbaren Schriftzeichen geben dem Betrachter den Hinweis darauf, dass es sich nicht um eine echte Landschaft handelt, sondern um zusammengeknülltes Zeitungspapier, das hier nach surrealer Manier eine Landschaft formuliert.
Der Aquarellstift führt uns zu den Aquarell-, Pastell- und Gouachearbeiten von Hans-Jürgen Trams. Auch ihn zieht es zur Landschaftsmalerei. Diesmal sehen wir aber echte benennbare Landschaftsstriche. Seine Farben fangen die Stimmung der Landschaft ein und spiegeln sie poetisch verdichtet wieder. Trams zeigt das Rapsfeld nicht nur im vertrauten Gelbton, sondern vertieft ihn zu einem glühenden Gelb, in dem auch die Wärme des frühsommerlichen Sonnenlichts aufgeht und für den Betrachter erlebbar wird.
Auf der gegenüberliegenden Seite antwortet seine Frau, die Fotografin Ursula Trams auf die malerischen Arbeiten. Ursula Trams entzieht der Landschaft die Farbe und setzt die Schwarz-weiß Fotografie ein. Ihre Kompositionen fangen die atmosphärische Dichte der Küstenlandschaft mit feinsten Grauabstufungen ein. Die Bildkompositionen sind ruhig, aber auch spannungsvoll. So wird in einer Arbeit die Linse des Fotoapparates indirekt sichtbar, weil sich davor Wassertropfen sammeln, die zu Schlieren ineinander laufen. Die untere Bildhälfte zeigt hingegen scharf erkennbar, den leichten Wellengang der grauen Meeresoberfläche und die plastischen Verwerfungen der Hafenmole.


Die andere Seite der Fotografie ist der Anspruch einer objektiven Wiedergabe dessen, was der Fotograf sieht. Klaus Berner gibt uns seinen Blick auf Auschwitz wieder. In seiner Fotoreihe zeigt er den Weg vom Wachturm über den verschlossenen Eingang zum Schonungsblock, eine Bezeichnung die angesichts der Bestimmung als Vernichtungslager zynisch anmutet, weiter zu Tür 20, halb geöffnet, zur Chirurgischen Abteilung, auch halb geöffnet und endet am Stacheldrahtzaun. Ein bedrückender Weg zurück in die schlimmste Zeit der deutschen Geschichte, der mit Sensationen spart und in der alltäglichen Situation des Spaziergangs umso eindringlicher ist.
Auf der anderen Seite des Raumes zeigt Reinhard Wessolek Arbeiten aus der Reihe ‚Die Zeit ist abgelaufen‘. Diese C-Prints sind in zweierlei Hinsicht verstörend. Zum einen denkt man zumindest von Weitem man stehe vor ‚stofflichen‘ Arbeiten. Sie erwecken den Eindruck als seien sie von Hand gemalt, gezeichnet oder in einer anderen künstlerischen Technik hergestellt. Steht man direkt vor den Arbeiten, sieht man, dass dies nicht der Fall ist, denn man befindet sich vor einem ‚glatten‘ Print, ohne Handschrift des Künstlers. Dabei existiert sie durchaus. Wessolek bezieht seine Motive aus den Printmedien, verfremdet sie, eignet sie sich künstlerisch an und gibt sie durch die C-Prints dem Medium selbst wieder zurück.
Dieter Michaelsens plastische Arbeit ‚Überfahrt‘ besteht aus Holz und Blei. Ein Mensch auf einem Schlauchboot reißt die Arme hoch als rufe er um Hilfe. Seine übergroßen Hände mit den gespreizten Fingern lassen diese Interpretation zu. Zudem sind wir durch die gegenwärtige Flüchtlingskatastrophe für dieses Thema sensibilisiert. Ist es aber ein politisches Statement oder ist es der Mensch als solcher, der in Situationen des Übergangs oft allein und hilflos agiert, nur noch ein Schatten seiner selbst ist.
Ich habe die Rede mit den Arbeiten von Marlies Mefs begonnen und werde sie mit dem zweiten Gast dieser Ausstellung Klaus Bliesener abschließen. Familien mit Kindern ist er vielleicht schon als Buchillustrator bekannt. Hier zeigt sich Bliesener als Zeichner, unabhängig von vorgegebenen Texten, wohl aber erzählerisch. Das Krokodil, dem das Maul zugebunden wurde, obwohl es laut Titel voll mit Erinnerungen steckt, die beredten Steine und der Trommler, der genug von allem hat. Der rote Tukan aber bekennt sich zur Farbe, zum leuchtenden Rot. Damit wären wir eigentlich wieder am Anfang: beim Material und den Kunstwerken, die es geschaffen hat. Und die sollten sie sich jetzt endlich selbst anschauen dürfen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Pia Kranz, M.A.

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