Einführungsrede von Margot Michaelis zur Eröffnung der 44. Jahresausstellung der

salzgitter-gruppe am 20.11.04 im Atrium des Rathauses in Salzgitter

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde,

die Einladungskarte zur diesjährigen 44. Ausstellung der Salzgittergruppe macht neugierig. Verpackte Bilder, umgedrehte Leinwände, halbverdeckte Malereien – was erwartet uns?

Sie werden vielleicht schon herumgeschaut haben und gesehen haben: Das Jahr war für die Mitglieder der Gruppe und ihre Gäste offenbar ein produktives. Das können wir schon an dem Umfang und der Vielfalt der ausgestellten Arbeiten erkennen, die mit einem freundlichen Licht in diesen Novembersonntag scheinen, denn es ist eine bemerkenswert malerische und farbenreiche Ausstellung. Wobei oft Landschaftliches zur Projektionsfläche von Ideen, Wünschen und Sehnsüchten wird. Vielfach werden Erinnerungen ausgeleuchtet und bildhaft gemacht.

Jahr für Jahr lassen sich Künstler von ihrem selbstgestellten Auftrag leiten, künstlerisch zu arbeiten. „Das Kunstwerk bedeutet einen Zuwachs an Sein“, schrieb der Philosoph Hans-Georg Gadamer. „Das unterscheidet es von all den produktiven Leistungen der Menschheit in Handwerk und Technik, in denen die Geräte und Einrichtungen unseres praktischen und wirtschaftlichen Lebens entwickelt wurden.“(S.47) Und er hebt hervor, dass Kunstwerke eben etwas Einmaliges sind und daher auch unersetzbar durch andere Tätigkeiten und Produkte des Menschen.
Das sehen aber nicht alle so. Die Anerkennung der Bildenden Kunst als Teil der Gesamtkultur steht weiterhin hinter ihrer eigentlichen Bedeutung für unser Leben zurück. So sah man sich in der Politik zunächst genötigt, darüber nachzudenken, Kultur als Staatsziel ins Grundgesetz aufzunehmen, um jetzt allerdings in großer Koalition davon Abstand zu nehmen. Verwies ersteres darauf, dass die Kultur wohl in Not ist, bedeutet der nunmehrige Verzicht auf diese Bedeutungszuweisung nicht etwa, dass weniger Kulturnotstand herrscht – es zeigt wohl eher, welche Bedeutung man der Kultur tatsächlich beimisst. Ihre Bewertung erhält sie oft nur noch als Marketingfaktor.

Ganz gleich, ob Kunst sich nur zu Markte tragen soll oder staatlich gefördert wird, sie braucht in jedem Fall die interessierten Betrachter – solche, für die Bildung auch von Bild kommt und die das imaginäre Museum der Kunst, von dem einst Andre Malraux sprach, als Ort kultureller Weitergabe im eigenen Kopf errichten. Dazu ist die ästhetische und künstlerische Bildung in den Schulen eine wichtige Voraussetzung. In Salzgitter ist es uns nach der Veränderung des Schulgesetzes nur unter großer Anstrengung gelungen, das Fach Kunst lediglich an einem der drei Gymnasien mit einem halben Profil als Abiturfach zu erhalten. Dabei haben uns auch Mitglieder der Salzgitter Gruppe engagiert unterstützt, wofür ich Ihnen an dieser Stelle danken möchte. Ein halbes Kunstprofil ist natürlich noch zu wenig, zumal in einer Stadt, in der es kein eigenes Kunstmuseum gibt und viele Kinder nicht im Elternhaus mit Kunst vertraut gemacht werden. Ich wünsche mir, dass mehr junge Menschen solche Ausstellungen wie diese, sowie Kunstmuseen oder Ausstellungen von Kunstvereinen besuchen, um zu merken, welche Bedeutung die Betrachtung von Kunst für jeden einzelnen haben kann. Bei Bildbetrachtungen in der Schule sagen Schüler gerne, der Künstler wollte uns wohl zum Nachdenken anregen. Dies gilt sicher auch für diese Ausstellung.

LICHT, KUNST UND SCHAFFENSPROZESS

Ein altes Gemäuer, zwei Fensteröffnungen, durch die das Licht fällt, gefiltert durch einen transparenten Vorhang. Das eine Bild des Diptychons von Helmut Lingstädt in kühlen Blaugrüntönen gehalten, das andere warm in Orange-gelb. Die Gemälde zeigen, wie das Abbild des Fensters auf dem Boden aus Licht geschaffen wird. Wie eine Bildwerdung, lichtgeformt, gefiltert und interpretiert durch den Künstler. Sehr stimmungsvoll und doch ist es noch etwas anderes. Die Atmosphäre und feine Beobachtung der Lichtspiels, die man sich vielleicht im Süden vorstellt, wurde in Wahrheit durch eine Situation in Salzgitter inspiriert. Dort wo die Salzgittergruppe sich mit ihrer engagierten Ausstellung hinwünscht. Es ist ein Fenster im sogenannten Kuhstall.
So bleibt es das Thema von drinnen und draußen von Abbild und Bild als Reflexion der Wirklichkeit,

Fenster und Spiegelungen oder das Spiel mit Positiv- und Negativformen beschäftigen auch Gunther Fritz. In den so kostbar wirkenden kleinformatig verdichteten Landschaften glaubt man, jedes Detail zu erkennen, dabei ganze Landschaftsformationen, Tiefe, Luftigkeit. Erst in der Nähe lösen sich diese Details in Spuren verschiedenster malerischer und experimenteller Verfahren auf.
Strahlen die kleinen Landschaften Friedlichkeit voll dämmeriger, duftiger Ruhe aus, so werden in den narrativen Szenerien mit menschlichen Figuren Unordnung und Brechungen inszeniert. In den langgestreckten malerischen Montagen ist die Welt fragmentiert, sind menschliche Beziehungen durch ein Geflecht von Innen- und Außenraum verstellt. Bei aller Symbolik bleibt es immer eine raffinierte Malerei mit großem Reichtum an farbigen Valeurs.

Ursula Trams schwarz weiße Foto – vintage prints zeigen auf andere Weise wie Bilder aus Licht entstehen, und sie zeigen, welchen Zauber einfachste Dinge in der fotografischen Belichtung erfahren. Die schlichte Schnecke, Beeren, die an einem Strauch hängen, das Glitzern der Sonne in den zart gesponnenen Spinnweben. Sie wirken hier monumental und zugleich wie kleine Wunder des Lebens oder der Schöpfung, die durch Trennung von Licht und Finsternis entsteht.

Von Schöpfung berichten auch die Bilder von Heide Lühr Hassels. Was an Pollocks Dripping-Technik erinnert, ist allerdings nicht auf dem Fußboden sondern an der Wand entstanden. Die Farbe wurde dazu an die Leinwand geschleudert. Je nach aufgewendeter Kraft und Sammlung entsteht Verdichtung, bilden sich Kraftfelder. Das Blau, das aufgrund seiner Kälte in den Hintergrund zu treten scheint, lässt an das Universum denken, aus dem dies alles geschaffen wurde.

Ganz anders interpretiert die impulsive und vitale abstrakte Malerei von Peter Kuhl den Schöpfungsakt der Kunst. Kontraste prallen aufeinander, Farbe schiebt sich harsch zusammen, fließt wie brennender Lavastrom, überlagert sich. Als wäre der Prozess des Malens im Moment höchster Energie angehalten worden, vermeint man bei Betrachtung dieser Gemälde brodeln, fließen, rauschen, zischen und brennen zu hören.

ERINNERUNGSLANDSCHAFTEN

Bernhard Hollmig leuchtet in lichten Landschaften seine Erinnerungen aus. Ein verlassenes Gut in Bayern, ein menschenleerer Gasthof an der Elbe, zwei süddeutsche Landschaften - alles vor Jahrzehnten gesehen – wirken seltsam fern und nah zugleich. Das Aufscheinen aus dem Gedächtnis wird durch den Verzicht auf Hell-Dunkel Kontraste sowie eine raffinierte Handhabung der Farbkontraste in einer valeurreichen Malerei sichtbar gemacht. Ein Schimmern entsteht aus dem Spiel der Farben, wie Positiv- und Negativbelichtung, und einer traumgleich verfärbten Überbelichtung, die sich bei näherer Betrachtung beinahe in Farbflecken auflöst.

Susanne Heschs neue kleinformatige Kopfgestalten und Artisten legen sich auf Landkarten oder werden aus ihnen hervorgelockt, sodass diese zu einer Art Geografie des Inneren werden. Zugleich verbindet der Mensch die Teile der Welt in seinem Körper, seinem Kopf und Geografie und Anatomie wachsen zusammen. Wie steht der Mensch zur Welt? Eine wissenschaftliche Sicht wird durch Maße, Pfeile und Koordinaten angedeutet. Misst der Mensch die Welt aus oder wird er ausgemessen? Susanne Heschs stille Bilder des Menschseins werfen derart grundlegende Fragen auf.

Von der Weltlandschaft des Geografen zu Helga Grolls Miniaturen, in denen das krasse Aufeinanderprallen von Industrielandschaft als Folge der modernen Zivilisation mit den anrührend erscheinenden Idyllen einer vergehenden historischen Landschaft thematisiert wird. Noch rettet ein Nest die alte Windmühle vor der Übernahme durch die Windradlandschaft. In den feinen Farbstiftzeichnungen kombiniert mit Grafit und Aquarell, insbesondere in der differenzierten Bearbeitung der Oberflächen etwa von Baumindividuen erkennt man die Liebe zum Gewachsenen und Gelebten

Auch Dan Groll wendet sich der Landschaft als historisch gewachsen, gleichsam als geschichtete Geschichte auf ganz poetische Weise zu. In der Wümme entdeckte er das Pfeilkraut für sich, eine alte Pflanze in pfeilartiger Form. Er benutzte sie als Druckstock, um in der weiteren Bearbeitung wie in geologischen Schichten das Darüber und Darunter zu erforschen. Lebenszyklen zeigen, dass aus dem Abgestorbenen das neue Leben entsteht und zugleich entstehen abstrakte Bildminiaturen von bizarrer Schönheit.

Dieter Michaelsen setzt seine Erinnerungen an Meer und Strand in eine triptychonartige Assemblage aus Fundstücken um, in der die Anmutung deftiger friesischer Wildheit schon durch die Ruppigkeit des Materials entsteht. Recht urtümlich und kraftstrotzend der heilige Mann, eher ein Gott der Ungläubigen, ein wilder Mann oder ein Schiffsmaskottchen. Ganz klein bleibt das gotische Kirchlein im Hintergrund. Dazu ein reiches Panorama aus Muscheln, Meer, Himmel, Netzen, Boot, Gemaltem und Gefundenem gebildet, das sich durchdringt in einer letztlich künstlerischen Ordnung.

Michael Ewen montiert Ausschnitte aus Fotografien und Bildern zu einem Text aus Heinrich Bölls irischem Tagebuch zu seinen persönlichen Erinnerungen an Irland. Verwischungen und Unschärfen, schmelzendes Licht schaffen eine weiche Stimmung. Das Motiv des Reisens, der Bewegung wird sichtbar gemacht. Das Gesehene scheint nur vorbeizuhuschen, Impressionen, rasch festgehalten vom Fotografen - im Vorübergehen. Alltägliches Leben, Gewalt und Armut durchdringen sich und prallen mit historischen Rudimenten zusammen. Ein Ausschnitt aus einem Foto von Ingema Reuter lässt das Ganze zu einer Hommage an diese früh verstorbene Künstlerin werden.

Walter Schneiders Diptychon wäre eine reine Himmelslandschaft, wäre da nicht ganz unten noch die Dachlandschaft einer südlichen Stadt. Ein Sommerbild trotz der kühlen Farbigkeit, das ganz aus der Malerei lebt und aus sparsamer Kontrastsetzung von licht leuchtenden Erdtönen und kühl abgestuftem Blau eine spannungsvolle Stille ausstrahlt.

Heinrich Hugo Ibold lotet den Reiz der Schraffuren und bizarren Krakeleen aus und erzählt damit eine Geschichte mit abstrakten Formen. Kugeln geraten in Bedrängnis, werden belästigt oder schaffen sich eine neue Welt, in der die Freude am Spiel den Ton angibt. Wie aus einem Luftraum schieben sich die konturenlosen zur Auflösung neigenden Formen in einen endlosen Raum, wie in einer andauernden Metamorphose des Seinszustandes.

Klaus Berners sachliche Farbfotografie zeigt die Faszination kolossaler Großgeräte, die von still gelegter Industrie berichten. Wie tote Riesen wirken sie und wie Monumente einer eindrucksvollen Maschinerie und urtümlich erscheinenden Technik. Die Fotografien betonen und monumentalisieren noch die Proportionen dieser Technikriesen, der Schaufelbagger aus dem Tagebau durch ihren nahen Blickwinkel und ihre Sicht von unten.

FIGUR

Horst Freymann interpretiert seine aus den Medienbildern der Gegenwart geschaffenen Gemälde in alttestamentarische Motive um. Eine junge Frau, bedrängt von einem Schatten wird Susanna, die von den beiden Alten belagert wird. Ein Kind wird geopfert, die furchtbare Geschichte von Abraham, der seinen Sohn Isaak opfern sollte. Die skizzenhaft, dynamische Malerei mit harten Kontrasten interpretiert so die Medienbilder zu modernen Mythen um.

Roland Küblbecks randvoll fast aus den Fugen geratene Bildwelt voller Erzählkraft wirkt dieses Mal geradezu apokalyptisch. Ein Höllensturz von Menschen, die in misslichster Lage übereinanderpurzeln, von Affen angetrieben und belächelt. Dabei ist alles lustvoll gezeichnet und ausgeformt. Ein gewaltiger aber bereits bröckelnder Koloss, der Menschlein untersich zermalmt, während er -von der Schlange verführt- seine Männlichkeit vorführt. Es ist ein riesiger Bohrer, der Öl und Geld gepumpt hat. So überwiegt deftige und schalkhafte Gesellschaftskritik auch in den übrigen Bildern.

Wolfgang Spittler zeigt seine luftige Malerei mit ihren frischen Farben und der lockeren Andeutung von Raum, der von den Frauenfiguren ganz erfüllt ist. Kraftvoll und zart zugleich aufgespannt im Bildviereck beherrschen sie zierlich ihr Instrument, die Geige. Drei Variationen eines Holzschnitts von hoher Farbkultur zeigen „Karoline“ in einer strengen stilistisierten Auffassung, die nur scheinbar an die warholschen Fotosiebdrucke erinnert.

GÄSTE

In den Collagen und Mischtechniken von Jutta Temp schieben sich Formen und Farbkörper in das Blattweiß. Sie führen ein Eigenleben, bilden Gestalten zu denen erst noch eine Geschichte erfunden werden muss.

Als Bildhauerin ist Marianna Zumstein mit einer gestisch und doch auch streng wirkenden Kalksandsteinplastik dabei. Durch eine tänzerische Geste und die flach gewölbte Form erscheint der Stein fast schwerelos. So wird aus dem körperhaften Stein die Idee von etwas Körperlosem, dem Sinn des Hörens. Dies wird durch die Strukturierung des inneren Gewölbes, das an vom Klang bewegte Härchen erinnert, symbolisch unterstützt.

Nun habe ich die Bilder für sie ausgepackt und wünsche Ihnen bei der Betrachtung viel Freude.

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